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P. S. TWYN
Leseprobe · Band 3

Nachtwache an der Karlsburg

Der Prolog und das erste Kapitel. Lesezeit etwa zehn Minuten.

Prolog

Freitag, 15. Oktober 2027

Der Umhang roch nach Mottenkugeln und nach zwölf Jahren Regen.

Gustav Lerch stand vor dem Spiegel im Flur und zog ihn sich über die Schultern, langsam, wie ein Priester sein Messgewand. Schwarzer Wollstoff, schwer, mit einer Kordel am Hals, die er seit Jahren mit derselben Schleife band. Darüber der breitkrempige Hut. Die Laterne stand schon an der Tür, frisch geputzt, die Kerze neu. Daneben lehnte die Hellebarde, deren Schaft er eigenhändig aus einer Esche geschnitzt hatte, im Sommer 2015, als er nicht wusste, was er sonst mit seinen Händen anfangen sollte.

Unten am Schaft, über dem eisernen Schuh, hatte er seine Initialen eingeschnitzt. G. L. Ein bisschen eitel, hatte seine Frau gesagt, damals noch. Er hatte geantwortet, ein Nachtwächter ohne Eitelkeit sei wie eine Laterne ohne Licht. Sie hatte gelacht. Es war eines der letzten Male gewesen.

Er betrachtete sich im Spiegel. Ein alter Mann in einem Kostüm von 1781. Eine weiße Halskrause, die er jedes Jahr vor dem Oktober stärkte. Ein Horn am Gürtel. Ein Gesicht, das fünfunddreißig Jahre lang vor Schulklassen gestanden hatte und ihnen erklärt hatte, warum Geschichte nicht vorbei ist, nur weil sie aufgeschrieben wurde.

Auf dem Küchentisch lag ein Briefumschlag. Weiß, mit dem Aufdruck eines Labors in Karlsruhe. Gestern gekommen. Er hatte ihn dreimal gelesen und dann eine Nacht lang nicht geschlafen.

Er nahm den Umschlag nicht mit. Er nahm nur das Notizbuch, ein abgegriffenes kleines Ding mit braunem Ledereinband, und schob es in die Innentasche des Umhangs. Dann griff er zum Telefon und wählte eine Nummer, die er seit Jahrzehnten auswendig kannte, auch wenn er sie selten benutzte.

Es klingelte viermal. Dann sprang die Mailbox an.

„Lukas“, sagte Gustav Lerch. „Hier spricht dein alter Lehrer. Ich müsste dir am Montag etwas zeigen. Es ist …“ Er zögerte. „Es ist nichts Dramatisches. Nur etwas Trauriges. Ruf mich an.“

Er legte auf, nahm die Laterne und die Hellebarde und trat hinaus in den Abend.

Über der Altstadt hing schon der Nebel, dünn wie ein Schleier, der die Laternen weich machte. Vom Turmberg her roch es nach nassem Laub. In der Ferne schlug die Kirchturmuhr halb acht.

Auf dem Marktplatz warteten sie bereits. Zwanzig, dreißig Leute, Familien mit Kindern, ein paar Rentner, zwei junge Leute, die so taten, als wären sie nur zufällig hier. Und neben dem Brunnen, im langen grauen Rock, mit Schürze, Haube und einem Korb über dem Arm, die Magd.

Sie winkte ihm zu. Er winkte zurück.

Dann zündete Gustav Lerch die Kerze in seiner Laterne an, hob das Horn an die Lippen und blies einen langen, tiefen Ton, der über den Marktplatz rollte und an den alten Fassaden zurückkam.

Die Leute verstummten.

„Hört, ihr Leut, und lasst euch sagen“, rief der Nachtwächter, „unsre Glock hat acht geschlagen …“

Es war seine letzte Runde. Er wusste es nicht.

Kapitel 1

Es war Jonas’ Idee gewesen, und Sommerfeld hatte ihm das bereits zweimal vorgehalten, bevor der Nachtwächter überhaupt den ersten Satz gesagt hatte.

„Eine Kneipe, in der nicht jeder jeden kennt“, flüsterte sie. „Das war die Aufgabe. Das war die Ermittlung.“

„Ich habe ermittelt.“ Jonas Reiter stand neben ihr am Brunnen, die Hände in den Taschen seiner Jacke, und sah sehr zufrieden aus. „Es gibt keine. Also habe ich umdisponiert.“

„Auf eine Stadtführung.“

„Auf eine historische Stadtführung. Im Dunkeln. Da erkennt uns keiner.“

In diesem Moment drehte sich eine Frau vor ihnen um, Mitte sechzig, in einer gesteppten Jacke, musterte erst Sommerfeld, dann Jonas und lächelte breit.

„Sie sind doch die von der Polizei“, sagte sie. „Aus der Zeitung. Wegen der Katrin Seiler. Mein Mann und ich haben den Artikel ausgeschnitten.“ Sie stieß ihren Mann an. „Helmut. Das ist die aus Hamburg.“

Helmut nickte ernst, als hätte man ihm gerade eine Sehenswürdigkeit gezeigt.

Sommerfeld lächelte zurück, so freundlich sie konnte, und sah Jonas nicht an. Sie spürte trotzdem, dass er grinste.

Es war ihr erstes richtiges Treffen. Nach dem Fall am Basler Tor hatten sie sich ein paarmal in der Kantine gegenübergesessen, hatten über Seilknoten geredet und über den Kaffee aus dem Automaten. Im Sommer hatte er sie einmal zum Klettern an den Felsen im Albtal mitgenommen, und sie hatte sich an einer Stelle festgekrallt, an der Siebenjährige vorbeiturnten. Seitdem war es still gewesen zwischen ihnen. Freundlich still. Bis er vor zwei Wochen in ihrer Bürotür gestanden und gesagt hatte: Freitagabend. Die Ermittlung. Wenn du noch willst.

Sie hatte gewollt. Sie hatte sich eine Bluse gekauft. Und jetzt stand sie mit dreißig Durlachern auf dem Marktplatz und hörte einem Mann in Umhang und Halskrause zu, der mit einer Stimme wie ein Kirchenglockenspiel verkündete, man schreibe das Jahr 1781 und der Herr Markgraf sei längst nach Karlsruhe gezogen.

„Und hat uns Durlacher mit dem Schlamassel allein gelassen!“, rief der Nachtwächter. „Mit leeren Schlössern, alten Mauern und einem Rathaus, in dem es zieht wie im Hühnerstall!“

Die Leute lachten. Ein kleiner Junge vorne in der Reihe kicherte so sehr, dass er sich an seiner Mutter festhalten musste.

Sommerfeld musste zugeben, dass er gut war. Der Mann musste über siebzig sein, aber er stand so gerade wie die Hellebarde in seiner Hand, und wenn er die Laterne hob, um auf ein Fenster oder eine Inschrift zu zeigen, folgten ihm dreißig Augenpaare wie einem Dirigenten.

Neben ihm stand die Magd. Eine Frau Mitte fünfzig, kräftig, mit runden roten Wangen unter der weißen Haube und einem Korb, aus dem sie zwischendurch kleine Lebkuchen an die Kinder verteilte. Sie spielte die Zwischenrufe. Wenn der Nachtwächter vom Herrn Markgrafen schwärmte, rief sie: „Der Herr Markgraf hat uns noch nie einen Lebkuchen gebracht!“ Wenn er von der Pest erzählte, bekreuzigte sie sich so übertrieben, dass sogar Helmut lachte.

„Die sind ein Paar, oder?“, flüsterte Jonas.

„Glaube ich nicht.“ Sommerfeld beobachtete die beiden. Die Art, wie die Magd den Alten ansah, wenn er nicht hinsah. Die Art, wie er ihr den Arm reichte, als sie von der Bordsteinkante stieg. „Aber sie kennen sich sehr lange.“

„Du ermittelst.“

„Du hast damit angefangen.“

Der Nachtwächter blies ins Horn, und die Gruppe setzte sich in Bewegung, die Pfinztalstraße hinunter, in den Nebel hinein, der die Laternen weich machte und die Stimmen leiser. Er erzählte von den Wirtshäusern, die es hier einmal gegeben hatte, sechzehn Stück an einer einzigen Straße, und vom Wasser, das man lieber nicht trank, und von den Stadtknechten, die nachts die Betrunkenen einsammelten.

„Hat sich nicht viel geändert“, sagte jemand von hinten, und wieder lachten alle.

Am Ende der ersten Station blieb der Nachtwächter stehen und hob die Laterne, sodass das Licht von unten auf sein Gesicht fiel und es alt und streng machte.

„Und heute, liebe Leut“, sagte er, und seine Stimme war auf einmal leiser, ohne an Kraft zu verlieren, „heute zeige ich euch zum Schluss etwas, das noch keiner von euch gesehen hat.“

Die Magd neben ihm lächelte nicht mehr.

Nur einen Augenblick lang. Dann war das Lächeln wieder da, rot und rund, und sie warf einem Kind einen Lebkuchen zu.

Sommerfeld hatte es trotzdem gesehen.

Weiter geht es im Buch.

Leseprobe aus „Nachtwache an der Karlsburg“ · © 2026 P. S. Twyn