Prolog
Der Nebel kam an diesem Abend früh.
Tobias Wendt merkte es an den Laternen. Unten in der Altstadt brannten sie noch klar, ein gelbes Band über dem Kopfsteinpflaster. Hier oben, auf halber Höhe des Hexenstäffele, waren sie nur noch weiche Flecken im Grau.
528 Stufen. Er zählte sie seit zwölf Jahren, jeden Abend. Heute zählte er nicht.
Heute dachte er an den Umschlag.
Oben an der Bergstation lag die Baustelle wie ein schlafendes Tier. Bauzaun, Bagger, eine Plane, die im Wind schlug. Die alte Bahn war fort. Wendt blieb kurz stehen und sah auf das Loch, wo früher die Schienen begonnen hatten. Seltsam, dachte er. Hundertdreißig Jahre, und dann ist einfach nichts mehr da.
Die Burgruine tauchte aus dem Nebel auf. Der Turm, dunkel und gerade. Auf der Terrasse niemand.
Gut so.
Er zog das Handy aus der Tasche. 22:19 Uhr. Noch elf Minuten bis zum Falkenhof. Er würde es heute sagen. Alles. Nach all den Jahren.
Hinter ihm knirschte Kies.
Wendt drehte sich um. Eine Gestalt stand am Rand der Terrasse, die Hände in den Taschen. Nur ein Umriss im Grau.
„Sie sind spät dran heute“, sagte eine Stimme.
Wendt kannte die Stimme. Er hatte sie oft gehört, fast jeden Abend. Er lächelte sogar, erleichtert.
Das war sein Fehler.
Kapitel 1
Um 1:14 Uhr klingelte das Telefon.
Lukas Hagedorn ließ es zweimal klingeln. Nicht, weil er geschlafen hatte. Er saß im Dunkeln, den Mantel noch an, die Hände flach auf dem Tisch. So sitzt jemand, der seit einer Weile auf etwas wartet und selbst nicht genau weiß, worauf.
Beim dritten Klingeln nahm er ab.
„Hagedorn.“
„Maurer, KDD. Tut mir leid wegen der Uhrzeit.“
„Tut es nicht.“
Kurze Stille am anderen Ende. Dann ein Lachen, müde und ehrlich. Maurer und er kannten sich seit zwanzig Jahren. Man musste sich nichts mehr vormachen.
„Wir haben einen Toten auf dem Turmberg. Oben an der Ruine, neben der Terrasse. Männlich, Mitte fünfzig. Mehrere Stiche.“
„Messer?“
„Sieht so aus. Gefunden haben wir keins.“
Durch das Fenster fiel das Licht einer Straßenlaterne. Es lag auf Hagedorns rechter Hand, auf dem schmalen Ring am Finger. Er drehte ihn einmal, langsam, wie andere Leute mit einem Schlüssel spielen.
„Wer hat ihn gefunden?“
„Der Nachtwächter von der Bahnbaustelle. Junger Kerl. Ziemlich durch den Wind, hat uns aber gleich Kaffee angeboten.“
„Zeugen?“
„Um die Uhrzeit? Bei dem Nebel? Da oben siehst du heute die eigene Hand nicht. Die Kollegen vom Revier Durlach haben abgesperrt, wir sind seit einer Stunde dran.“
Hagedorn stand auf. Der Stuhl schabte über den Boden, ein Geräusch, das in der Stille zu laut war.
„Die Spurensicherung ist oben“, sagte Maurer. „Und die Neue aus Hamburg. Von der KI 5.“
„Die Neue.“
„Sommerfeld. Die war um Mitternacht noch im Büro. Ich glaube, die geht nie heim.“ Maurer machte eine Pause. „Der Chef will, dass du das übernimmst. Er hat gesagt, ich zitiere: Hagedorn hat ja sonst nichts zu tun.“
„Hat er recht.“
„Lukas.“
„Ich komme.“
Er legte nicht auf. Er wartete. Maurer hob sich das Wichtigste immer bis zum Schluss auf, seit zwanzig Jahren schon.
„Eine Sache noch. Wir wissen seit ein paar Minuten, wer er ist. Kein Ausweis, kein Handy. Aber einer von euren Durlacher Streifenkollegen hat ihn erkannt. Der Mann ist wohl jeden Abend da oben spazieren gegangen.“
Papier raschelte.
„Wendt. Tobias Wendt. Wohnt am Geigersberg. Kennst du ihn?“
Hagedorn schwieg.
Er schwieg so lange, dass Maurer fragte, ob die Verbindung weg sei.
„Nein“, sagte Hagedorn. „Kenne ich nicht.“
Dann legte er auf, nahm das schwarze Notizbuch vom Tisch und ging hinaus in den Nebel. Zu Fuß, wie immer.
Maurer würde sich später noch oft an diese Pause erinnern.
Weiter geht es im Buch.