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P. S. TWYN
Leseprobe · Band 2

Schweigen am Basler Tor

Der Prolog und das erste Kapitel. Lesezeit etwa zehn Minuten.

Prolog

Fastnachtsdienstag, 1990

Der Saal dröhnte noch, als Katrin hinaus in die Nacht trat.

Hinter ihr sangen zweihundert Leute in Kostümen den letzten Refrain allein weiter, ohne Schlagzeug und ohne Gitarre, falsch und glücklich. Vor ihr lag die Gasse, nass und leer. Vom Marktplatz wehten noch Trommeln herüber. Dort hatten sie knapp zwei Stunden zuvor zum ersten Mal die Fastnacht zu Grabe getragen, um elf nach neun, mit viel Ernst und noch mehr Bier. Es nieselte. Auf dem Kopfsteinpflaster klebte Konfetti, bunt und aufgeweicht, wie verlorene Farbe.

Sie zog die Jacke enger um das Harlekinkostüm. Ihre Stimme war heiser vom Singen. Drei Stunden auf der Bühne, drei Stunden lang war sie jemand anderes gewesen. Jetzt war sie wieder Katrin Seiler, siebzehn, Pfarrerstochter, und sie hatte Angst.

Sie ging schnell. Am Basler Tor blieb sie kurz stehen und sah hinauf. Der alte Turm stand schwarz gegen den Himmel, und über ihm, zwischen zwei Wolken, ein einzelner Stern.

Rechts lag der Alte Friedhof. Das Tor war nur angelehnt, wie fast immer. Durch den Friedhof war es kürzer. Sie hatte keine Angst vor Toten. Mit den Toten war sie aufgewachsen.

Unter den alten Bäumen war es dunkel. Die Grabsteine standen schief, bemoost, manche halb im Boden versunken. Namen, die niemand mehr las. Engel ohne Gesichter.

Hinter ihr knirschte Kies.

Sie drehte sich um. Sie wusste, wer es war, bevor sie ihn sah. Sie hatte gewusst, dass er ihr folgen würde. Vielleicht hatte sie es sogar gehofft.

„Warum bist du einfach gegangen?“, fragte er. Er war außer Atem. Er hatte geschwitzt auf der Bühne, sie sah es an seinen Haaren.

Katrin sagte lange nichts. Über ihnen rauschte die alte Linde im Wind. Ein Tropfen fiel ihr in den Nacken, kalt wie ein Finger.

Dann hob sie den Kopf und sah ihn an.

„Ich sag’s morgen meinem Vater“, sagte sie.

Kapitel 1

Am Aschermittwoch um 6:52 Uhr klingelte das Telefon.

Hagedorn nahm beim ersten Klingeln ab. Er war angezogen. Auf dem Tisch vor ihm stand eine Tasse Kaffee, die längst kalt war, daneben das schwarze Notizbuch.

„Maurer. Ich weiß, wie spät es ist.“

„Früh.“

„Auf dem Alten Friedhof am Basler Tor hängt eine Frau. Der Friedhofsgärtner hat sie gefunden, gerade eben, als es hell wurde. Sieht aus wie Suizid.“ Eine kurze Pause. „Sieht aus.“

Hagedorn stand schon.

Durlach am Morgen nach der Fastnacht sah aus wie ein Saal nach dem letzten Tanz. In den Gassen lagen Luftschlangen und Pappbecher, auf dem Pflaster klebte Konfetti in allen Farben, vom Regen der Nacht zu kleinen bunten Inseln verschwemmt. Vor einer Wirtschaft schlief ein Mann im Bärenkostüm auf einer Bank, den Kopf auf den Armen. Eine Kehrmaschine summte die Hauptstraße hinunter.

Am Basler Tor dämmerte gerade der Morgen, blass und kalt hinter dünnen Wolken.

Vor dem Friedhofstor standen zwei Streifenwagen. Absperrband zwischen den Pfosten, rot-weiß, nass. Jürgen Kehl stand davor, die Hände in den Jackentaschen, und sein Gesicht hatte die Farbe von altem Papier.

„Lukas.“ Er hob das Band an. „Hab gehofft, dass sie dich schicken.“

Hagedorn nickte und ging hinein.

Der Alte Friedhof lag still unter den kahlen Bäumen. Hier war seit über hundert Jahren niemand mehr begraben worden. Die Grabsteine standen schief zwischen Efeu und Moos, die Inschriften verwittert, manche ganz unleserlich. An der Mauer der kleinen rotbraunen Kapelle lehnten alte Grabplatten aus der Zeit der Markgrafen, mit Totenköpfen und Engeln.

In der Mitte des Friedhofs stand eine alte Linde. Riesig, mit einem Stamm, den drei Männer nicht hätten umfassen können.

Die Spurensicherung hatte einen Sichtschutz aufgestellt. Hagedorn trat an ihn heran und blieb stehen.

An einem tiefen Ast der Linde hing eine Frau. Dunkler Mantel, Stiefel, das Haar halb gelöst. Darunter, im nassen Laub, lag ein umgestürzter alter Grabstein, als hätte sie darauf gestanden.

Hagedorn sah lange hin. Er sah nicht auf den Strick. Er sah auf das Gesicht.

Dann zog er das Notizbuch aus der Tasche und blätterte zurück. Viele Wochen zurück. Bis zu einer Seite vom November, auf der nur ein paar Worte standen. Frau. Mitte 40. Dunkler Mantel. Zypressen. Sah nicht zum Grab. Sah zu mir.

Er klappte das Buch zu.

Kehl war neben ihn getreten. Er räusperte sich zweimal, bevor er etwas sagte.

„Ich kenn sie“, sagte er leise. „Jeder kennt sie, der in Durlach älter als vierzig ist.“

Hagedorn drehte langsam den Kopf.

„Das ist die Marie Seiler“, sagte Kehl. „Die Tochter vom alten Pfarrer.“ Er schluckte. „Die Schwester von der Katrin.“

Hagedorn sagte nichts. Aber Kehl sah, wie das bisschen Farbe, das die Kälte in seinem Gesicht gelassen hatte, ganz daraus verschwand.

Weiter geht es im Buch.

Leseprobe aus „Schweigen am Basler Tor“ · © 2026 P. S. Twyn